19.07.2009

Interview mit Energie-Expertin Claudia Kemfert: "Zeit der billigen Energie ist vorbei"

Professorin Claudia Kemfert hat eine To-do-Liste für Politiker, Unternehmer und Verbraucher aufgestellt, mit der wir die Wirtschafts- und Energiekrise meistern können – wenn wir uns daran halten.

von Daniela Meyer

Wenn es draußen heiß ist, schaltet sie nicht etwa die Klimaanlage an. Sie isoliert ihr Hausdach neu – weil das umweltfreundlicher und auf lange Sicht viel billiger ist. Claudia Kemfert war die erste Junior-Professorin Deutschlands. Heute leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und berät nebenbei den Präsidenten der EU-Kommission José Manuel Barroso in Energiefragen. Kemfert über die Zukunft der Kernenergie, steigende Strompreise und innovative Projekte wie Desertec.

€uro am Sonntag: Frau Professor Kemfert, das Wetter spielt verrückt. Ist das schon der Klimawandel?Claudia Kemfert: Nein – obwohl es oft so dargestellt wird. Das lokale Wetter hat nichts mit Klimawandel zu tun. Man kann nicht jede Wetteränderung damit erklären. Der Klimawandel bedeutet zwar, dass sich die weltweite Durchschnittstemperatur erhöht, regional hat das aber ganz unterschiedliche Auswirkungen.

€uro am Sonntag: Es sind draußen gefühlte 45 Grad. Warum schalten Sie die Klimaanlage nicht mal an? Kemfert: Neueste Architektur kann im Sommer kühlen und im Winter wärmen und Energie für den eigenen Verbrauch herstellen. Zu Hause wohne ich in einem gedämmten Gebäude mit neuem Dach. Selbst im Sommer ist es im Dachgeschoss kühl. Das Bürogebäude nutzt Kühldecken, die zwar nicht ganz klimaschonend sind, aber besser als Klimaanlagen – die ich im Übrigen hasse, weil die Temperatursprünge krank machen.

€uro am Sonntag: Ihr neues Buch heißt „Jetzt die Krise nutzen“. Wie?Kemfert: Ich zeige, wie wir aus der Finanzkrise gestärkt herauskommen können. Wenn wir jetzt klug die politischen Weichen stellen, schlagen wir drei Krisen mit einer Klappe – die Wirtschafts-, die Energie- und die Klimakrise. In dem Buch habe ich eine „To-do-Liste“ für Politiker, Unternehmer und Verbraucher erstellt.

€uro am Sonntag: Das Buch kommt ja genau zum richtigen Zeitpunkt – wir stecken mittendrin in der Wirtschafts- und Energiekrise.Kemfert: Ja, und wir können uns keine weitere Krise leisten. Wenn Politiker jetzt für die richtigen Anreize sorgen, Unternehmer sich auf klima-bewusste Geschäftsmodelle einlassen und Verbraucher klimabewusst konsumieren, wird Deutschland im Kampf gegen den Klimawandel zu den globalen Gewinnern gehören.

€uro am Sonntag: Was müsste denn dringend getan werden?Kemfert: Die Energieversorgung muss klimaschonend, sicher und bezahlbar werden. Wir müssen für Energiesicherheit sorgen, indem wir die erneuerbaren Energien und neue Technologien fördern, die Netzinfrastruktur ausbauen, die Energieimporte diversifizieren und mehr Energiespeicher nutzen. Wir müssen aber auch den Wettbewerb stärken, somit die Märkte regulieren und den Emissionshandel konsequent umsetzen.

€uro am Sonntag: Hat während der Wirtschaftskrise überhaupt jemand ein offenes Ohr für Umweltthemen? Kemfert: Ja, absolut. Politiker, Unternehmer und Verbraucher wissen, dass wir uns mitten in einer Energiekrise, aber auch an einem Wendepunkt befinden. Alle haben begriffen, dass fossile Energien knapper und damit sehr viel teurer werden.

€uro am Sonntag: Wie lang gibt es die fossilen Energien denn noch?Kemfert: In den nächsten 25 Jahren werden wir alles Öl, das wir weltweit finden, dringend brauchen. Danach müssen wir auf Alternativen umstellen – und deshalb heute mit dem Umbau beginnen. Die Infrastruktur umzustellen, neue Autos anzubieten oder erneuerbare Energien flächendeckend zu nutzen, das braucht mindestens 25 Jahre.

€uro am Sonntag: Gibt es eine Art Worst-Case-Szenario?Kemfert: Wenn die Nachfrage bei Öl so rasant steigt und das Ölangebot durch Investitionsknappheit nicht ausgeweitet wird, haben wir in etwa 15 Jahren ein Knappheitsproblem und damit explodierende Preise. Kohle gibt es noch 200 Jahre, Gas noch etwa 60. Wenn wir aber die gesamte Kohle verfeuern, haben wir ein CO2-Problem. Ein hoher Ölpreis bedeutet wiederum, dass wir noch mehr Kohle nutzen werden. Daher müsste man einen höheren CO2-Preis haben, der Kohle teurer macht.

€uro am Sonntag: Das wird den Versorgern nicht gefallen.Kemfert: Richtig, aber nur weil wir zur Stromproduktion noch 50 Prozent Kohle nutzen. Wir sind damit in Europa einer der klimaschädlichsten Stromproduzenten. Aber mit einem hohen CO2-Preis lohnen sich auch klimaschonende Kohle- und weitere innovative Energietechniken.

€uro am Sonntag: Das heißt, wir brauchen einen Energiemix. Gehört dazu auch Kernenergie?Kemfert: In der Übergangszeit, ja. Es geht auch ganz ohne Kernenergie, aber das ist eine Frage der Zeit. Die Sicherheitsstandards sind in Deutschland extrem hoch – da mache ich mir über so manches osteuropäische Kraftwerk mehr Sorgen. Die sicheren Kernkraftwerke sollten wir somit bis zum Ende laufen lassen. Das Atommüllproblem haben wir ohnehin. Zudem haben wir die Kernenergie teuer bezahlt – mit über 40 Milliarden in den vergangenen Jahrzehnten.

€uro am Sonntag: Wie bewerten Sie dann die aktuelle Diskussion über den Atommeiler Krümmel?Kemfert: Bei dem Krümmel-Vorfall handelt es sich um ein meldepflichtiges Ereignis der Stufe null, eigentlich kein Anlass zur Sorge. Aber der Wahlkampf macht daraus einen GAU. Dennoch ist es ärgerlich, dass Vattenfall offenbar noch immer nicht verstanden hat, dass Deutschland sehr hohe Anforderungen an Genauigkeit und Kommunikation hat.

€uro am Sonntag: Während wir uns von Kernkraft verabschieden, sind weltweit neue Meiler geplant. Kemfert: Global beträgt der Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung nur 17 Prozent. Dieser Anteil wird schrumpfen, da es wirtschaftlich nicht machbar ist, weltweit alle 440 Kraftwerke zu ersetzen. Russland plant angeblich 17 neue Kraftwerke, China 26, weltweit sind fast 100 geplant. Die Finanzkrise führt dazu, dass sich diese teure Technik nicht rechnet. Die Internationale Ener-gieagentur (IEA) glaubt, dass 1500 neue KKW gebaut werden müssten, um das Energieproblem zu lösen.

€uro am Sonntag: Wäre das machbar?Kemfert: Nein, völlig undenkbar. Neue Kraftwerke in Deutschland wird es nicht geben, auch mit einer schwarz-gelben Regierung nicht. Vielleicht werden in England oder Osteuropa ein oder zwei neue gebaut – aber auch nur, wenn die Länder die Kraftwerke finanziell subventionieren. Zudem muss die Gesellschaft auch die Kosten für Endlagerung, Unfallrisiken und Terrorrisiken bezahlen. Ich bin gespannt, was von den Planungen übrig bleibt.

€uro am Sonntag: Wäre eine CO2-Reduktion ohne Kernkraft möglich?Kemfert: Wenn wir viel energieeffizienter werden und Kohle umweltfreundlicher machen. Zudem müssen wir die erneuerbaren Energien inklusive Netzinfrastruktur deutlich ausbauen. Auch Gas wird vermehrt zur Stromherstellung genutzt werden. Das erhöht aber natürlich wieder die Importabhängigkeit.

 

€uro am Sonntag: Können die Erneuerbaren die Kernkraft ersetzen? Kemfert: Derzeit produzieren wir unseren Strom in Deutschland zu 50 Prozent aus Kohlekraftwerken, 23 Prozent Kernenergie, 17 Prozent erneuerbare Energien und circa zehn Prozent aus Gas. Die Kernkraftwerke werden in erster Linie durch Kohle- oder Gaskraftwerke ersetzt werden. Unsere Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umzustellen wird 60 bis 70 Jahre dauern.

€uro am Sonntag: Wenn die Kernkraft- durch Kohlekraftwerke ersetzt werden, wird das doch sicher das neue politische Aufregerthema? Kemfert: Neue Kohlekraftwerke sind effizienter, produzieren aber mehr CO2 als Kernkraft- oder Gaskraftwerke. CO2 wird viel teurer, da sich die Weltgemeinschaft auf drastische Klimaziele geeinigt hat. Viel Kohle und hohe CO2-Preise bedeuten, dass die Strompreise deutlich steigen werden. Mehr Gaskraftwerke bedeuten mehr Abhängigkeit von Lieferländern. Norwegisches und niederländisches Gas wird knapper, Russland als Lieferant wichtiger.

€uro am Sonntag: Wir sehen uns als Vorreiter beim Klimaschutz. Ist diese Wahrnehmung richtig?Kemfert: Ja, noch. Selbst in der Krise investieren wir in Klimaschutz, wenn auch nur 13 Prozent aller Ausgaben der Konjunkturpakete. Leider viel weniger als Länder wie China oder Südkorea. Die anderen holen auf – allen voran die USA, aber auch China. Wir müssen aufpassen, dass wir den Vorsprung nicht verlieren

€uro am Sonntag: Ist das Wüstenstromprojekt Desertec, das Solarstrom von Afrika nach Europa bringen soll, eine lohnende Investition? Kemfert: Das ist ein langfristiges Projekt für die kommenden Jahrzehnte und kann zu Beginn in erster Linie Energie für Afrika, später auch für Südeuropa liefern. Das Projekt ist interessant und gut, sonst würden auch die Großkonzerne nicht einsteigen. Ich denke aber, dass wir technologischen Fortschritt im Bereich der Energiespeicher sehen werden, beispielsweise auch durch Batterien. Wenn wir Energie kostengünstig speichern können, können wir Strom produzieren und brauchen ihn nicht über so lange Distanzen zu transportieren.

€uro am Sonntag: Neben Desertec gibt es derzeit eine Flut von Energieprojekten. Das Pipelineprojekt Nabucco wurde gerade besiegelt, und auch durch die Nordsee soll ab 2011 eine Gaspipeline laufen. Sind diese Projekte sinnvoll? Kemfert: Wir müssen aus verschiedensten Ländern Gas beziehen, daher ist es sinnvoll, verschiedene Projekte zu fördern. Die Nordseepipeline ist eine sehr teure Variante, die sich die Konzerne sicher vom Verbraucher bezahlen lassen. Zudem stellt sich die Frage, ob genügend in die Gasförderung investiert wird, niedrige Gaspreise fördern die Investitionen nicht gerade. Zudem könnte man das Gas preiswerter durch EU-Transitländer wie Polen fördern. Die Nabucco-Pipeline ist auch wichtig, allerdings stellt sich die Frage, mit welchem Gas die Pipeline gefüllt werden wird.

€uro am Sonntag: Ende des Jahres steht die Klimakonferenz in Kopenhagen an. Was erwarten Sie?Kemfert: Es ist ein Durchbruch, dass man sich beim G8-Gipfel bereits darauf geeinigt hat, dass die globale Durchschnittstemperatur nicht um mehr als zwei Grad Celsius steigen darf. Kopenhagen wird nicht die Emissionsminderungsziele für das Zwei-Grad-Ziel beschließen, aber es wird die USA zurück an den Verhandlungstisch bringen und Perspektiven für stark wachsende Volkswirtschaften erarbeiten. Die Rolle der USA ist sehr positiv zu bewerten, sie wollen einen Emissionsrechtehandel einführen. China und Indien werden in den kommenden Jahren sicherlich folgen.

€uro am Sonntag: Bei allem Klimaschutzwillen machen sich die Verbraucher doch letztlich am meisten Sorgen um den Preis. Was raten Sie? Kemfert: Die Zeit der billigen fossilen Energie ist vorbei. Die Preise für Öl, Gas, Benzin und Heizöl steigen weiter. Unsere Energieversorgung ist immer noch zu sehr auf fossile Energien fokussiert. Erneuerbare Energien werden in den kommenden Jahren preiswerter, somit rate ich, auf Ökostrom umzusatteln. Den beziehe ich selbst auch.

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