11.11.2009

Starker Zulauf zur Jubiläumsveranstaltung von „A8 - Bürger setzen Grenzen“

Die Bürgerinitiative „A8 - Bürger setzen Grenzen e.V.“ feierte im Gasthaus Feldwies das einjährige Jubiläum des Vereins, der sich gegen den geplanten Totalausbau der Autobahn A8 auf 36 Meter mit 6+2 Spuren stark macht. Neben den gut 80 interessierten Besuchern, die auf Grund des starken Zulaufs teilweise sogar Stehplätze in Kauf nahmen, nahmen an der Veranstaltung auch BI-Mitglieder aus den benachbarten Landkreisen Rosenheim und Berchtesgadener Land teil. Sie verdeutlichten, wie einzigartig und erfolgreich gerade die ortsübergreifende Zusammenarbeit beim Widerstand gegen dieses Großprojekt bislang gewesen sei und berichteten von ihren Erlebnissen in den Planungsdialogen.
Im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltung standen ferner die Themen Lärm und Lärmschutz, bei denen es für zahlreiche Besucher zu überraschenden Erkenntnissen kam, denn: ein wirkungsvoller Lärmschutz beim Ausbau 6+2 kann nicht garantiert werden. Vielmehr führt der geplante Totalausbau zu mehr Lärm für die Region.

 

„4+2 sind genug!“ als BI-Motto

Heidi Mannfeld, 1. Vorsitzende von „A8 - Bürger setzen Grenzen e.V.“ berichtete gemeinsam mit ihren Vereinskollegen von einem erfolgreichen Jahr aktiven Widerstands getreu dem Motto „4+2 sind genug!“ und gab einen Einblick in den derzeitigen Stand der Ausbauplanungen. Vor allem die intensive Öffentlichkeitsarbeit des Vereins sei maßgeblich dafür verantwortlich, dass in der Bevölkerung heute eine offene Diskussion über den Ausbau, jenseits der Hinterzimmerpolitik, stattfindet. Wünschenswert wäre laut Mannfeld jedoch, dass die Argumente aller Seiten von den Bürgern noch einmal kritisch hinterfragt und nicht nur als gegeben und unveränderlich betrachtet werden. 
Außerdem berichtete sie, dass durch den massiven gemeinsamen Einsatz aller Ausbau-Gegner das Planfeststellungsverfahren um ein Jahr auf Ende 2010 verschoben wurde. „Die Entscheidung für oder gegen einen 4+2-Ausbau der A8 ist also noch nicht gefällt. Wir alle können heute noch etwas zum Ausgang der Entscheidung beitragen, es ist noch nicht zu spät!“ rief Mannfeld auf.

 

Auch ein Totalausbau bringt keine Garantien für einen wirkungsvollen Lärmschutz

Im Zentrum der Veranstaltung stand an diesem Abend das wohl brennendste Thema für Befürworter und Gegner des Totalausbaus: das Thema Lärm und Lärmschutz. Hubert Reiter, Mitglied der BI und selbst betroffener Anwohner, berichtete in seinem kompetenten und fundiert recherchierten Vortrag über die Folgen des Verkehrslärms für die Anrainergemeinden. Dabei überraschte Reiter zahlreiche Teilnehmer mit der Mitteilung, dass es bei einem 6+2-Ausbau zwar Chancen auf einen Lärmschutz gäbe, aber nur, sofern die vorher definierten Lärmgrenzwerte überschritten werden. Ob ein Grenzwert überschritten wird oder nicht, wird jedoch nicht gemessen, sondern nur im Vorfeld theoretisch berechnet. Die tatsächlichen, also vor Ort real existierenden, Gegebenheiten übersteigen die theoretischen Annahmen dabei häufig gravierend.

Zu beachten sei ferner, dass in Gewerbe- und Mischgebieten niedrigere Lärmgrenzwerte herrschen als in reinen Wohngebieten. Der Haken daran: kaum ein Gebiet angrenzend an die Autobahn ist heute noch als reines Wohngebiet ausgewiesen. Bei einer Vielzahl der Bereiche liegen Mischgebiete mit höheren Lärmgrenzwerten und damit also einer geringeren Aussicht auf einen Lärmschutz vor, auch, wenn die Anwohner hiervon teilweise gar nichts wüßten.

Doch auch Bewohner mit größerem Wohnabstand zur Autobahn seien vor einer drastischen Verschlechterung der Lärmsituation nicht gefeit: durch das physikalische Ausbreitungsverhalten des Lärms führt laut Reiter ein Vollausbau der A8 zu einer deutlich verschlechterten Lärmsituation für alle Bewohner der Anrainergemeinden. Sollten tatsächlich vereinzelt aktive Lärmschutzmaßnahmen wie Lärmschutzwälle und Lärmschutzwände realisiert werden, konnten dies dazu führen, dass der Lärm dann „umgeleitet“ wird und somit gerade auch diejenigen im Lärm leben müssten, die davon bislang verschont wurden.

„Was am Ende bleibt“, so Reiter „ist eine doppelt so breite Autobahn, die näher an die Wohnbebauung heranreicht und unter dem Strich für alle mehr Lärm bringt als zuvor.“

 


Kein Lärmschutz an der Bergener Talbrücke geplant

Am Beispiel des Ortsteils Hasperting, nahe der Bergener Talbrücke, zeigte Reiter eindringlich, dass es dort trotz massiver Lärmbelastung nach dem derzeitigen Planungsstand voraussichtlich keinen Lärmschutz geben wird. Die erforderlichen Lärmgrenzwerte werden dort nämlich laut Berechnungen des Lärmgutachters nur ganz knapp nicht überschritten werden. Dies liegt v.a. daran, dass bei der Berechnung der Lärmwerte angenommen wird, dass alle Verkehrsteilnehmer die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h für PKW und 80 km/h für LKW einhalten. Eine Annahme also, die der Realität auf der A8 in keiner Weise entspricht. Gleichzeitig sehen die Verantwortlichen der Autobahndirektion jedoch keinen Anlass, ein Tempolimit einzuführen. Klar ist jedoch: nur 20 km/h mehr führen in der Realität zu fast doppelt so viel Lärm und somit zu einer deutlichen Überschreitung der Grenzwerte. Dennoch will der Bund als Vorhabensträger hier auch eine so genannte freiwillige Lärmsanierung nicht durchführen.

Anwohner werden häufig mit der gesundheitsgefährdenden Lärmbelastung im Stich gelassen

Anschaulich untermalt wurde Reiters Vortrag von der 2. Vorsitzenden des Vereins, Marlis Neuhierl-Huber, die anhand zahlreicher aktueller Beispiele aus Bayern und Baden-Württemberg aufzeigte, wie weit sich die Lärmschutzzusagen und die tatsächlich realisierten Lärmschutzprojekte beim Ausbau von Autobahnen unterscheiden. Für zahlreiche Besucher hinterließen die Berichte ein Gefühl der Ernüchterung, hatten viele doch gehofft, dass ein Ausbau nach dem 6+2-Modell zwar ein Eingriff mit zahlreichen Konsequenzen sei, der aber zumindest eine Garantie für einen wirkungsvollen Lärmschutz und damit für eine Verbesserung der Lebensqualität bringen könnte. Diesem Endruck widersprach Neuhierl-Huber vehement: „Die Fülle an Berichten zeigt, wie Anwohner teilweise bewusst hingehalten und verunsichert werden. Fakt ist, dass ein Autobahnausbau nicht automatisch zu einem optimalen  Lärmschutzanspruch führt! Sobald das Planfeststellungsverfahren dann in Gang ist, ist der Zug in Sachen Lärmschutz schon abgefahren. Wer dann auch noch auf einen freiwilligen Lärmschutz hofft, wird meist bitter enttäuscht.“

Abschließend zeigte Hubert Reiter noch einen weiteren interessanten Aspekt zum Thema Lärm auf, der häufig unbeachtet bleibt: Lärm ist gesundheitsgefährdend. Die von der WHO empfohlenen Grenzwerte für Lärm lägen deutlich unter den für den A8-Lärmschutz gültigen Grenzwerten. Gleichzeitig seien laut Umweltbundesamt ca. 2% aller Herzinfarkttoten, in Deutschland, also umgerechnet rund 2.400 Tote, auf die Folgen von Lärm zurück zu führen.

 

Planungsdialoge in den Landkreisen gestalten sich problematisch

Im Verlauf der Veranstaltung berichteten die BI-Mitglieder Josef Fortner (Achenmühle-Rohrdorf), Dr. Bernhard Zimmer (Piding), Bernhard Koch (Anger) und Markus Fernsebner (Siegsdorf) von ihren Erfahrungen bei der Teilnahme an den Planungsdialogen in den verschiedenen Landkreisen, die als Reaktion auf die Bürgerproteste gegen den 36-Meter-Totalausbau eingesetzt wurden. Erst nach langen Diskussionen sei den BI-Mitgliedern als Gegner des Totalausbaus eine Teilnahmemöglichkeit eingeräumt worden; ein eindeutiges Zeichen also, dass die Zusammensetzung der Dialogteilnehmer nicht auf Meinungsvielfalt und Objektivität ausgerichtet ist.

Auch gäbe es hinsichtlich des Ablaufs noch immenses Verbesserungspotential. So sei es z.B. schon vorgekommen, dass ein am Planungsdialog beteiligter Bürgermeister für den 6+2-Ausbau stimmte, obwohl jedoch erst nach dem Planungsdialog im Gemeinderat über diese Frage entschieden wurde. Es könne daher nicht die Rede davon sein, dass in den Planungsdialogen die tatsächliche Meinung der Bürger vertreten und widergespiegelt werden würde, so die einhellige Meinung.
Auch sei eine Vielzahl der Dialogteilnehmer desinteressiert und nur unzureichend informiert. Viele lehnten sich in der Diskussion zurück, ohne sich häufig über die Tragweite der Entscheidungen, die sie treffen, im Klaren zu sein.

Die Autobahndirektion jedoch, die sich selbst von Beginn an als zuständige Instanz für die Protokollführung und die Öffentlichkeitsarbeit der Planungsdialoge engagierte, propagiert jedoch, dass die getroffenen Beschlüsse demokratisch und dem Bürgerwillen entsprechend gefasst würden. Somit wird bewusst und gewollt der Eindruck erweckt, dass die Bevölkerung den 6+2-Ausbau befürwortet. Dies sei jedoch vielerorts nicht der Fall.


Anzahl der Unterstützer der Bürgerinitiative steigt stetig an, weitere Aktionen sind geplant

Zum Abschluss der Veranstaltung bedankte sich Heidi Mannfeld noch einmal bei allen Teilnehmern und Unterstützern, vor allem auch bei Vinzenz Gschwendner aus Übersee, der mit zwei eigens für die Bürgerinitiative geschriebenen Liedern zum Thema Autobahnausbau die Veranstaltung musikalisch umrahmte.

Heidi Mannfeld rief ferner dazu auf, die Macht einer geballten Bürgermeinung nicht zu unterschätzen. Wichtig sei, dass immer mehr Bürger öffentlich Stellung gegen den Vollausbau bezögen und sich gemeinschaftlich und aktiv engagierten. Die BI plane auch für das kommende Jahr mehrere Veranstaltungen und Aktionen, Gelegenheit zum Engagement gäbe es daher zur Genüge.

Über einen Mangel an Unterstützer wird sich die BI aber hoffentlich keine Sorgen machen müssen: Neue Beitrittserklärungen wurden den Vertretern der BI an diesem Abend bereits übergeben. Das große Interesse der Teilnehmer, die sich auch mit einer Vielzahl an Fragen aktiv an der Veranstaltung beteiligten, zeigte deutlich die großen Bereitschaft der Bürger, sich gegen den Totalausbau der A8 zu engagieren. Die Weichen für weitere Erfolge der BI  sind damit gestellt, doch ein Anlass, sich auszuruhen ist dies noch lange nicht. Bernhard Koch aus Anger fand hierfür zum Abschluss seines Berichts treffende Worte: „Wir müssen weiterhin eng zusammenarbeiten. Das ist viel Arbeit, aber so ist es möglich, den Wahnsinn zu verhindern, der uns mit der gegebenen Planung sonst bevorsteht.“




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